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19.07.2026

Wenn Musik eine ganze Stadt einnimmt …

Rudolstadt.jpgIm beschaulichen Thüringer Städtchen Rudolstadt findet jedes Jahr im Sommer das viertägige traditionelle Folkfestival statt. Das Festival gibt es seit 1991, sein Vorläufer war das „Fest des deutschen Volkstanzes“, das bereits 1955 in der DDR ins Leben gerufen worden war.

Zu meiner großen Schande muss ich gestehen, dass ich dieses Jahr zum ersten Mal dort war. Und das, obwohl ich seit 1994 in Thüringen lebe und ein leidenschaftlicher Musikliebhaber bin. Aber ich bin eben kein Festivalgänger, die Vorstellung von sich drängenden Menschenmassen schreckt mich ziemlich ab. Auch war mir das Programm (wenn ich mich denn darüber informierte) oftmals zu exotisch, auf guatemaltekischen Bluegrass oder usbekischen Rap war ich doch nicht so scharf. Aber dieses Jahr hatten sich gute Freunde aus dem Harz angekündigt, die möglichst alles mitnehmen wollten. Und so nahmen sie auch Katja und mich mit.
Katja und Tom Rudolstadt 1.jpg

Auto auf Parkplatz auf der Wiese abgestellt, Shuttlebus telefonisch bestellt, alles klappte bestens. Dennoch ging ich anfangs noch ein wenig skeptisch durch die Straßen Rudolstadts. Doch bald hatte mich der Zauber gefangen. Wunderschöne alte Fachwerkhäuser säumten unseren Weg und unterschiedlichste Straßenmusiker gaben uns ihr Ständchen. Eine Gruppe aus Baden-Württemberg hatte es mir besonders angetan. Zwei Männer und eine Frau sangen und spielten eigene deutsche Lieder. Alles nicht superprofessionell perfekt, aber mit sehr viel Hingabe und Herz und schönen Texten. So ließen wir uns gern auf dem staubigen Asphalt nieder und lauschten und wippten mit.

Straemmusiker Rudolstadt 3.png
Irgendwann ging es weiter und wir ließen uns von einer kleinen Bluesband begeistern. Ein Profitänzer hatte sich dazugesellt und bat verschiedene Frauen aus dem Publikum zum Tanz. Elegant schob er sie über die Pflastersteine und bat danach um eine kleine Spende in seinen aufgestellten Tanzschuh (statt Hut). Ach ja, leckeres Essen gab es auch, von der klassischen Thüringer Bratwurst bis zu afrikanischem Eintopf.

Katja und ich hatten nur das günstige Tagesticket gebucht, das eben nur die Straßenmusiker beinhaltet. Wer die professionelleren Konzerte auf mehreren Bühnen sehen will, muss ein Stück weit tiefer in die Tasche greifen. Freunde von uns nahmen dies wahr und einer schrieb mir danach: „Es war wunderbar, großartig, inspirierend. Entspannte Stimmung, kein Publikum, das Musik konsumiert, sondern dabei ist und mitmacht. Handgemachte Musik nach Lust und Laune, kein 08/15-Mainstream. Und wenn man sich drauf einlässt, ist der Karneval des Lebens so richtig was zum Mitfeiern. Halt bissl schräg, aber so ist das Leben auch.“

Lust bekommen für nächstes Jahr? Wir hoffen, denn wir haben den Tag in Rudolstadt sehr genossen. Wie schön es doch sein kann, wenn verschiedenste Menschen zusammenkommen, friedlich feiern und genießen! Da wird eine kleine Thüringer Provinzstadt zumindest für ein paar Stunden zum Nabel der Welt.

Tom Horn - 11:56 @ Über Musik sinnieren | Kommentar hinzufügen